U2 im exklusiven Videointerview
U2-Frontmann und Weltenretter Bono Vox, Mützenmann the Edge und Basser Adam Clayton trafen sich mit Yahoo!-US-Chefredakteur Dave DiMartino und plauderten ausführlich über ihr neuestes Meisterwerk "No Line On The Horizon", Auftritte für Obama, Kurt Cobain und Schlagzeuger-Katzen:
BONO
Hier sind wir wieder. Du und ich, allein. Die anderen sind spät dran.
THE EDGE
Ich habe gerade gesehen, wie Adam aus einem Polizeiwagen stieg. Nicht schlecht.
BONO
Du hast nur einige Fragen an uns?
INTERVIEWER
Richtig, ganz unverbindlich.
BONO
Leg' los.
INTERVIEWER
Frage 1: Auf dem neuen Album dankt ihr Jimmy Iovine dafür, dass er U2 für eine brandneue Band hält. Was meint ihr damit?
BONO
Bei jedem Album prüfen zunächst wir, ob es wirklich gut ist, und lassen dann das Publikum entscheiden. Erfolg ist für U2 einfacher zu erreichen als Bedeutung. Wir behandeln jedes Album wie unser erstes. Wir sind wie Handelsvertreter, die von Stadt zu Stadt fahren und ihre Ware anpreisen.
Als wir Jimmy Iovine Mitte der 1980er Jahre trafen, fragte er, ob sich jedes unserer Alben wie das erste anfühle. Und so ist es. Wir stecken tief in unserer Arbeit und freuen uns, dass die Menschen uns zuhören.
THE EDGE
Es wäre einfach, alles nur wegen des Geldes zu machen. Wir sind sowieso überbezahlt und wahrscheinlich etwas überarbeitet. Dank unserer Fans verdienen wir zweifellos sehr gut. Doch das war uns nie wichtig. Bono beschreibt es so: Der Gedanke zählt, ein Album machen zu können, das den Menschen wichtig ist.
Die Wirkung, die für die Menschen die Welt verändert. Vielleicht nur ein kleines bisschen. Das ist der Hauptgrund, warum wir in einer Band spielen. Und deshalb machen wir immer noch Musik. An dem Tag, wo wir diesen Glauben verloren haben ist unser Ende. Darum ist jede Platte ein Neuanfang.
INTERVIEWER
Klingt sinnvoll. Ihr seid U2, und das Album ist nicht neu; deshalb hat das Publikum eine Erwartungshaltung an euch. Wie geht ihr damit um? Hält euch das davon ab, etwas völlig Neues auszuprobieren? Oder ist euer eigener Sound experimentell genug? Die Menschen haben Erwartungen - beeinflusst das eure Platten?
Wollt ihr noch experimenteller werden und so mehr Menschen mit auf euren Weg nehmen? Oder sagt ihr, gute Idee, aber das klingt nicht nach U2? Hat es solche Gespräche gegeben?
THE EDGE
In erster Linie machen wir eine Platte für uns, weil wir selbst Fans sind. Es geht erst richtig los, wenn wir etwas erfrischend Neues gefunden haben. Die Menschen verlieren ihr Interesse, wenn es nach altem Material klingt.
Gleichzeitig wissen wir, dass Musik einen starken Einfluss haben kann, wenn sie gut ist. Musik hat unser Leben verändert. Wir wollen mit unserer Musik Menschen verbinden. Es war noch nie ein Problem für uns, massentaugliche Musik zu machen. Wir wollen nur nicht, dass es langweilig klingt.
BONO
Risiken sind äußerst wichtig. Vielleicht sind wir manchmal zu experimentell für unser Publikum. Wir wurden auch schon für unsere etwas seltsame Musikrichtung bei experimentellen Alben wie „Zooropa" oder „The Passengers Project" kritisiert.
Wir lieben alles Neue. Gleichzeitig haben wir einen Teamgeist, der uns und unseren Sound einzigartig macht und emotionale Ebenen durchbricht. Wir lassen uns davon nicht abschrecken.
Für einen Musikstudenten wäre der musikalische Weg von U2 wie das „White Album" der Beatles. Darauf sind wunderschöne klassische Beatles-Stücke wie „Dear Prudence" oder „Number Nine Dream".
Wenn wir versuchen, uns treu zu bleiben, gleichzeitig aber unsere Grenzen überschreiten wollen, sind wir am Besten.
INTERVIEWER
Ich habe mir eure Platte oft angehört. Ich finde sie großartig. Mein Lieblingssong ist der letzte, die Schlussworte sind beeindruckend. „Wähle deine Gegner sorgfältig aus, denn sie werden dich definieren". Hat U2 so gesehen seine Gegner gewählt?
BONO
Es ist ein Album voller Freude, Verrücktheit, Humor und Albernheiten. Es war richtig, es traurig zu beenden. Der Song „Cedars Of Lebanon" ist die Geschichte eines Kriegskorrespondenten, der in der Hotellobby einer zerbombten Stadt sitzt.
Er denkt nicht darüber nach, was um ihn herum passiert. Er denkt über seinen eigenen Untergang und den Verlust seiner Familie nach. Seine Ehe ist zerbrochen, er trinkt zu viel. Ich bewundere Journalisten. Wäre ich kein Sänger, dann wäre ich Journalist.
In Afrika oder in meiner Rolle als Aktivist treffe ich auf viele Auslandskorrespondenten. Diese trostlosen Momente der Klarheit erleben Journalisten immer nachts. Ich glaube, es passt zu U2. Wähle deine Gegner sorgfältig aus, denn sie werden dich definieren.
Gestalte sie interessant, da sie dir ähnlich sind. Nicht zu Beginn, sondern am Ende deiner Geschichte. Sie sind treuer als deine Freunde. Schwer zu sagen. Es ist die einzige Stelle auf unserem Album, wo wir uns mit dem Irakkrieg und den Problemen, die wir am Golf erlebt haben, thematisch auseinandersetzen.
In anderen Songs wird nur darauf hingewiesen, aber es steht nicht im Mittelpunkt. Wähle deine Gegner sorgfältig aus. Hauptsächlich bezieht sich das auf den Irakkrieg. Mit etwas Fantasie würde diese Aussage nahezu überall passen.
Wähle deine Kämpfe mit Bedacht. Egal welcher Art: Eine zerbrochene Ehe, eine Gewohnheit, ein Drogenproblem. Diese Kämpfe dauern lange an. Als U2 haben wir schon interessante Gegner gehabt.
Wir haben uns nicht für die offensichtlichen Gegner entschieden. U2 war noch nie eine Band, die zum Establishment gehörte. Das Establishment war nie eine Bedrohung für uns. Wir stellen uns also immer schon interessanten Gegnern.
THE EDGE
Auch innerhalb der Band.
BONO
Genau.
THE EDGE
Wir kämpfen gegen Selbstgefälligkeit, das Ego oder eben gegen alles, was einen Song davon abhält, großartig zu werden. Unsere Band hat schon früh herausgefunden, dass unsere Egos alles kaputt machen können. Ich denke, das sind unsere Gegner. Und wir wollen Musik machen.
BONO
Die eigene Heuchelei. Das ist U2, das ist es, was es immer war. Für die Menschen ist es zu offensichtlich. Rebellion ist zu einem Volksport geworden.
INTERVIEWER
Ihr bringt natürlich ein neues Album heraus.
BONO
Wo sind eigentlich die anderen?
INTERVIEWER
Adam hat gerade sein Mikro bekommen.
BONO
Dann frag' weiter, entschuldige.
INTERVIEWER
Nachdem in New York eine Straße nach euch benannt wurde, und zwischen den Auftritten bei den Grammys, dem Obama-Konzert, David Letterman, „Good Morning America" habt ihr Promotion für eure Platte gemacht.
Was war das Außergewöhnlichste, euer Highlight? So viele Aktivitäten auf einmal sind für jeden Künstler außergewöhnlich. Erzählt mir davon.
THE EDGE
Eigentlich war alles außergewöhnlich und zugleich auch lustig.
BONO
Im Gegensatz zum Musizieren ist das Verkaufen von Musik ein Alptraum. Der Verkauf macht Spaß; das Musizieren ist ein sehr intensives Erlebnis. Manchmal sitzen wir in einem dunklen Loch, aus dem wir uns selbst herausschaufeln müssen.
In dieser Situation Menschen davon zu erzählen, was man gerade geschafft hat, ist großartig. Die Menschen vergessen dich. Kein Wunder, man verschwindet für einige Jahre, und warum sollten sie an einen denken? Wir wollen sie daran erinnern, dass wir hier sind. Wie sagt man so schön bei den Oscars: Danke für die Nominierung!
Wir glauben daran, was wir machen. Es gibt kaum einen Unterschied zwischen Musikern, Schreinern oder Handelsvertretern. Wir schaffen etwas und verkaufen es dann. Vom Bürgermeister von New York geehrt zu werden, indem er eine Straße nach uns benannt hat, war großartig!
Es war das erste Mal, dass eine Band fünfmal in Folge bei David Letterman aufgetreten ist. Die Beatles spielten vor 45 Jahren drei Auftritte innerhalb einer Woche bei der Ed Sullivan Show. Es ist toll, in eine Stadt zu kommen und nur über Musik zu sprechen. In der nächsten Woche wird ein anderes Thema besprochen, doch wir hatten das Rampenlicht, und darin sind wir gut.
THE EDGE
Obamas Amtsantritt war zweifellos das Jahreshighlight, obwohl wir Iren sind. Wir wurden zu diesem geschichtsträchtigen Moment eingeladen. Als wir auf das Washington Monument zuliefen, hatte ich ein Déjà-vu. Wir befanden uns auf den Spuren Martin Luther Kings, als er hier die Bergpredigt hielt. Diese Rede war in den 1960ern eine ganze Weile im TV zu sehen, deshalb war mir das Bild so vertraut. Diesen Ort selbst zu sehen, machte es unvergesslich für mich.
ADAM CLAYTON
Als wir unser erstes Album hier in Amerika veröffentlichten, sprachen viele Menschen darüber. Dieses Mal war es ähnlich. Es war unglaublich, mit einer neuen Platte hierher zu kommen und so viel Unterstützung zu erfahren.
BONO
Das war einmalig.
THE EDGE
Unglaublich.
BONO
Was Edge vorhin sagte: Mit Anfang 20 schrieben wir einen Song über den schwarzen Pfarrer aus Atlanta, dem die Geschehnisse in Irland der 1980er und die Gewalt, mit der wir aufgewachsen sind, wichtig waren. Dr. Kings Grundsätze von Gewaltlosigkeit schienen richtig.
Wird man Jahre später vom Präsidenten eingeladen und tritt ans Lincoln Memorial, wo er seine „I Have A Dream"-Rede hielt, ist das einmalig und ein Stück Verwirklichung von Dr. Kings Traum.
THE EDGE
Atemberaubend.
BONO
Es war ein besonderer Moment für uns. Das steht für mich fest.
THE EDGE
Es war großartig, dort den 90 Jahre alten Pete Seeger zu sehen, der aufgrund seiner politischen Ansichten in den 1960ern auf der schwarzen Liste stand. Zu diesem Anlass wurden viele Themen entwirrt und behandelt.
INTERVIEWER
Ich hätte nicht gedacht, so etwas von dir zu hören. Ich habe mich immer gefragt, ob du dem Thema etwa mit Desinteresse begegnen würdest.
THE EDGE
So etwas hat Bono noch nie gesagt. Er überrascht mich immer wieder. Sag niemals nie.
BONO
Ehrlich gesagt, hat uns Bescheidenheit noch nie von der Suche nach dem großen Augenblick abgehalten.
THE EDGE
Richtig, hoffentlich.
INTERVIEWER
Glaubt ihr, dass euch die ganze Welt unterstützt? U2 ist viel Gutes und kaum Schlechtes wiederfahren. Die Platten verkaufen sich, und das klingt fast wie ein Traum. Glaubt ihr, die Egos stehen hinter euch. Oder gibt es jemanden nach euch? Was denkt ihr darüber? U2 ist eine eigene Sparte und wird von der Welt akzeptiert. Seid ihr stolz, oder habt ihr Angst, dass es irgendwann vorbei sein könnte?
BONO
...
THE EDGE
Bonos Text unseres Songs „Trying to throw your arms around the world" sagt alles darüber. Es geht darum, ein paar Bier zu trinken und die Welt zu sehen, wie sie ist. Jeder sollte das so machen. Selbst schuld, wer es nicht tut.
BONO
Diesen Song habe ich noch nie so betrachtet. Es geht um Bier, das gefällt mir. Es ist die Geschichte über ein kleines Bier, das dachte, es wäre ein großes.
THE EDGE
Wer U2 nicht mag, strengt sich nicht genug an.
ADAM CLAYTON
Das einzige, was ich nicht möchte, ist eine schlechte Platte zu machen. Wir wollen unbedingt gute Musik machen und zum ganzen Geschehen dazugehören und nicht als schlechte Band in der Versenkung verschwinden. U2 lebt mit den Platten und den Shows immer weiter.
INTERVIEWER
Könnt ihr im Hinblick auf die alten Platten Hochs und Tiefs erkennen?
ADAM CLAYTON
Es gibt gute und schlechte Zeiten. Das spiegelt sich in den Platten wider. Zurzeit gehen wir allerdings voller Freude und Energie an die Sache heran.
INTERVIEWER
Wie schafft ihr den Ausgleich zwischen euren Persönlichkeiten? Wer befiehlt dem anderen, die Klappe zu halten und...
THE EDGE
Wir sind alle gegensätzliche Charaktere, deshalb funktioniert es wahrscheinlich. Wir sind eine Größe, da wir die Dinge unterschiedlich anpacken. Mich überraschen die Kommentare meiner Bandkollegen über unsere Songs immer wieder.
Das fasziniert mich. So geht es wahrscheinlich uns allen. Wir sind die Quintessenz einer Band, besser als die anderen, und daran liegt es wohl.
BONO
Larry ist nicht hier, deshalb können wir für ihn nur mutmaßen.
THE EDGE
Richtig.
ADAM CLAYTON
Niemand verbietet dem anderen den Mund. Ich sehe es positiv: Wer ermutigt wen am meisten. Das macht uns aus, das ist der Grund unseres Erfolgs als Band.
THE EDGE
Weil wir uns gegenseitig den Mund verbieten.
INTERVIEWER
Zurück zur amerikanischen Popgeschichte. Anfang der 1970er gab es Kiss, ihr braucht nichts über sie zu sagen. Alle vier Mitglieder brachten Soloalben heraus und sprachen über ihre Persönlichkeit außerhalb der Band.
ADAM CLAYTON
Ihr Schlagzeuger war doch eine Katze, oder?
INTERVIEWER
Ich denke schon. Gäbe es vier Soloalben von U2, wie würden sie klingen?
THE EDGE
Auf Larrys Album wäre viel Schlagzeug zu hören. Auf Adams nur Bass und vielleicht die Bassdrum. Auf meinem gäbe es kaum Gesang.
BONO
Mein Album wäre eine Oper.
INTERVIEWER
Eine Frage habe ich noch. Es ist Tradition in der Popmusik, die beste Band der Welt sein zu wollen. Das ist das Ziel vor allem für Bands aus Übersee. Das habt ihr übernommen, weil ihr dort aufgewachsen seid. Es klingt komisch, aber...
BONO
Warum das wichtig ist?
INTERVIEWER
Ja.
BONO
Ist es nicht, aber es erregt Aufmerksamkeit und ärgert die Indie-Fans, denn unsere Musik ist wirklich unabhängig. Uns hat noch nie eine Plattenfirma gesagt, was wir zu tun haben, oder wie unser Cover gestaltet werden soll.
Es gab ganz früher einen Plattenchef, dem wir „Sunday Bloody Sunday" vorspielten. Er sagte: „Guter Song, aber können wir das Wort ‚blutig' weglassen?" Wir haben nie wieder jemanden dazugeholt. Außer Chris Blackwell, der Bob Marley entdeckt hat und zu Island Record gehört, und Jimmy Iovine, weil er unser Freund ist. Wir sind eine komplett unabhängige Band. Wir müssen aber sagen, dass wir die beste Band aller Zeiten sein wollen, um nicht zugeben zu müssen, dass wir es nur für uns machen.
Jeder möchte bei den Beatles spielen. Man steht vor dem Spiegel und imitiert die Bewegungen. Ein Jazzmusiker will plötzlich bei Kiss spielen. Aber kein Künstler oder Songschreiber will, dass die Lügen im Musikgeschäft die Möglichkeiten seiner Arbeit einschränken.
In den 1980ern war das in Großbritannien so, nicht aber in den USA. Dann kamen die 1990er. Man begann, Musik nur für sich zu machen. Alle Kids aus der Mittelschicht, deren Väter eine Garage zur Verfügung stellten, spielten nur für sich.
Deswegen sprechen wir noch immer darüber und nicht, weil wir uns mit der Aussage, die beste Band der Welt zu werden, unbeliebt machen wollen. Wir sprechen nur über das Ausmaß der Vision. Es ist Musik, versuchen wir damit so weit zu gehen wie die Stones, die Beatles oder Sex Pistols es machen würden, wenn sie könnten.
Wie Nirvana es würde, wenn Kurt Cobain noch lebte. Er hätte es noch weit gebracht, das weiß ich. Ich habe ein Interview mit Kurt Cobain gesehen. Sie waren auf ihrer letzten Tour, und der Typ sagte: „Ihr wolltet doch nie auf großen Bühnen spielen, sondern immer nur in Clubs." Kurt schaute ihn verständnislos an. Wer das Talent hat, wird doch alle Wege beschreiten wollen.
