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MIKA - Die Farben werden neu gemischt

Geschrieben Fr, 2. Okt. 2009 10:41 von Jochen Overbeck in Act des Monats
Mit Songs wie "Grace Kelly" und "Relax, Take It Easy" stürmte Mika auch in Deutschland die Hitparaden. Jetzt kommt der im Libanon geborene Brite mit seinem zweiten Album um die Ecke.

"Natürlich ist es nicht immer einfach, wenn einen jeder erkennt, wenn man auf der Straße immer angeschaut und angesprochen wird. Aber mal ehrlich: Wenn sich ein Popstar darüber beschwert, dass die Leute ihn mögen, hat er einen ordentlichen Tritt ins Gesicht verdient." Wenn man eines über Mika sagen kann, dann dass er seit der Veröffentlichung seines Debüts "Life In Cartoon Motion" und dem Erfolg der Single "Grace Kelly" doch ein ganzes Stück an Selbstvertrauen gewonnen hat. Die damit Hand in Hand gehende Routine möchte der 26-jährige Brite indes brechen. Deshalb bemüht er sich, bei seinem zweiten Album "The Boy Who Knew Too Much", ein paar Branchengesetze zu brechen. Was gleich bleibt: die unbedingte Liebe zum Popsong.

"All die kleinen Zufälle, die den Anfang einer musikalischen Laufbahn markieren, gehen mit der Zeit verloren. Du stehst Abend für Abend auf der Bühne und machst das Gleiche. Zwischendurch drehst du ein Video, irgendwann veröffentlichst du die nächste Platte. Solche Regeln sind so deprimierend, dass ich sie einfach nicht ertrage." Mika brach sie bereits im Sommer mit der Veröffentlichung seiner "Songs For Sorrow"-EP. Vier neue Songs, akustisch eingespielt. Erhältlich als fein ausgestattete Künstler-Edition mit Artwork von Paul Smith und anderen. Streng limitiert und in Sachen Rendite für die Plattenfirma völlig uninteressant. Eine Grenzüberschreitung, die sich Mika als einer der wichtigsten Solokünstler Englands ohne Weiteres leisten kann - und auch weiterhin leisten möchte, bei allem Druck der Plattenfirma. Dass die zum Beispiel den Text von "Blame It On The Girls" zu negativ fanden und ihn um eine Alternativversion baten, in der das Wort "Tod" nicht vorkommt, war ihm herzlich egal. "I told them to fuck off", sagt er und lacht.

Dass Mika sich nicht reinreden ließ, hört man dem neuen Album durchaus an. Wo "Life In Cartoon Motion" eine sehr simplifizierte und euphorische Angelegenheit war, die größtenteils auch auf Kindergeburtstagen funktioniert haben dürfte, ist "The Boy Who Knew Too Much" nicht sperriger, aber vielfältiger und vor allem textlich weniger linear. Mika selbst erklärt's mit einem Verweis auf das Artwork: "Meine erste Platte war wie ihr Cover. Schwarze Ränder, mit bunten Farben ausgemalt. Dieses Comic-Gefühl ist jetzt weg. Die Farben sind noch hell, aber gemischt. Sie stammen nicht mehr direkt aus dem Malkasten, sondern haben einen Umweg über die Palette genommen, wurden vermischt und verwischt."

Schwer fiel Mika dabei der Wechsel der Erzählperspektive. "Plötzlich das Wort 'Ich' zu singen, war nicht einfach." Übrigens kann Mika die Platte zeitlich genau verorten. Wo das Debüt eine Chronologie der Kindheit war, beschäftigt sich "The Boy Who Knew Too Much" mit dem Aufwachsen. Mit der Pubertät und all ihren emotionalen Schieflagen, mit unerwiderter Liebe und einer Unsicherheit, die auch bei Mika zu diesem Zeitabschnitt gehörte.

Einer der zentralen Songs des Albums ist sicher die erste Single-Auskopplung "We Are Golden": Was nicht zuletzt wegen der ersten Form Plural im Titel wie ein Claim, wie eine Hymne über Zusammengehörigkeitsgefühl und Freundschaft klingt, ist eigentlich das glatte Gegenteil. "Es ist ein Song über das Heranwachsen, über die Einsamkeit, über das Gefühl, dass dich niemand versteht", verrät Mika. "Ich gehörte nie zu Gangs. Ich hätte so viel dafür gegeben, Freunde zu haben. Aber ich war der klassische Außenseiter. Für die Geeks war ich nicht klug genug. Für die Coolen war ich nicht lässig genug. Und für die Reichen war ich nicht reich genug." Also schuf sich Mika eine Parallelwelt, indem er Songs schrieb. Und indem er sich ein Leben herbeihalluzinierte, in der es viele gab, die so tickten wie er.

Die fand er nicht - auch nicht, als er mit Beginn des Erwachsenenlebens auf eine Musikschule wechselte, um klassischen Gesang zu lernen: "Ich war nie zufrieden mit dem, was ich konnte. Ich wollte besser singen können, besser Klavier spielen. Gleichzeitig merkte ich aber, dass die anderen zwar mehr konnten als ich, was technische Gesichtspunkte anging, dass ihre Stimmen besser und geeigneter für die Oper waren. Aber andererseits war das alles so unoriginell. Ein Stück zu singen oder zu spielen, das viele tausend Leute ebenfalls singen - wo ist da denn die Herausforderung?" Mika verließ die Schule direkt nach der Unterzeichnung des Plattenvertrages.

Heute geht es ihm um Nuancen. Um Songs, die sich auf verschiedene Art und Weise lesen lassen. Interpretationsspielräume lässt er dabei ausdrücklich zu. "Wer einen Song wie 'We Are Golden' auf sich und seinen Freundeskreis bezieht, wer den positiv versteht, der hat alles Recht dazu", erklärt er. "Nimm doch einmal 'Blackbird' von den Beatles. Das ist einerseits sehr direkt lesbar, wirkt fast heiter. Andererseits ist es ein Lied, das sehr klar Stellung zu Diskriminierung und Rassentrennung bezieht."

Um Deutungshoheit dürfe es im Pop nie gehen, wichtig seien andere Dinge - vor allem das, was die Begrifflichkeit Pop schon in sich trägt, nämlich der Erfolg. "Eine Sache, die ich früh verstand: Ein Popsong ist erst dann ein wirklich guter Popsong, wenn ihn die Leute kennen. Wenn sie ihn mitsingen können, wenn sie ihn lieben. Zu sehen, wie andere Leute deine Lieder auswendig können, ist das beste Gefühl der Welt."

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