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Guns'n'Roses - Ende einer Irrfahrt

Geschrieben Mo, 8. Dez. 2008 11:23 von Yahoo! Musik in Starportraits

(tsch) Womöglich gibt es ja so etwas wie einen Punkt, ab dem man ein Versprechen nicht mehr einlösen sollte. So wie man wohl besser nie erfahren hätte, wer Laura Palmer in der Fernsehserie "Twin Peaks" ermordet hat. Und wie es vielleicht sogar Brian Wilsons mythenumranktes Traumgespinst "Smile" besser nie auf eine Platte geschafft hätte. In Fällen wie diesen ist das Ergebnis nach fiebriger Erwartung dann doch mit einer gewissen Ernüchterung verbunden. Da nun nach rund 14 Jahren Bearbeitungsdauer, über 13 Millionen Dollar Produktionskosten und mehr als einem Dutzend verschlissener Musiker am 22. November tatsächlich "Chinese Democracy", das sechste Studioalbum von Guns N' Roses erscheint, kann das Resultat im Grunde ausfallen, wie es will. Seiner unfassbar grotesken Entstehungsgeschichte kann das Album unmöglich gerecht werden, vermag ihr höchstens noch eine absurde Pointe zu verleihen.

Tatsächlich waren nach all den Jahren für nicht wenige die Worte "Chinese Democracy" gleichbedeutend mit einem besonders hartnäckigen Scherz. Doch was war eigentlich passiert? Um das Phänomen Guns N' Roses von seinen Ursprüngen her zu begreifen, muss man sich gedanklich weit zurückbewegen in die Zeit der ausgehenden 80er-Jahre. In eine Epoche, in der breitbeinige Heavy-Metal-Attitüde, vollkommen ironiefrei dargeboten, noch mehrheitsfähig und nicht unweigerlich ein Ausweis absurder Lächerlichkeit war. Dabei prägten Guns N' Roses eine Rock'n'Roll-Spielart, die sich im Vergleich zum debilen Hair-Metal von Europe oder Bon Jovi wild, roh und durchaus neuartig ausnahm. Das überschäumende Debüt "Appetite For Destruction" (1987) und der schon größenwahnsinnige Doppelschlag "Use Your Illusion I + II" (1991) verkauften sich nicht nur zig millionenfach, sondern gingen sogar bei Vertretern des elaborierten Independent-Geschmacks an gnädigen Tagen durch. In einem Wort: Guns N' Roses waren eine ziemlich große Band.

Dass ein Höhe- gern mit dem Wendepunkt zusammenfällt, ist ein oft bemühter Allgemeinplatz. Und bei einer klischeebeladenen Band wie Guns N' Roses musste natürlich genau das eintreffen. Als Knackpunkt der Entwicklung darf wohl der Abschied von Gitarrist Slash im Jahr 1996 begriffen werden, der zu Guns N' Roses so untrennbar gehörte wie Keith Richards zu den Stones. Sänger Axl Rose, für seine Launen stets berüchtigt, sah das ganz anders und ekelte seinen langjährigen Mitstreiter mit eigenmächtigem Gebaren aus der Band. Slash nahm das tragisch: Wie er Jahre später in einem Interview bekannte, dachte er zwischenzeitlich sogar an Selbstmord. Axl Rose war's gleich, "Guns N' Roses, das bin ich", verkündete er in Sonnenkönigmanier und stand ein Jahr darauf ganz alleine da: Auch Bassist Duff McKagan und Schlagzeuger Matt Sorum stiegen aus. Rhythmus-Gitarrist Gilby Clarke war sich bereits 1994 mit Rose in die Haare geraten und kurzerhand gefeuert worden.

Immer neue Musiker gaben sich fortan im Studio die Klinke in die Hand und hinterließen alle ihre Beiträge zum jetzt schon ausufernden Projekt "Chinese Democracy". Rose archivierte akribisch jede eingereichte Demoversion seiner Songskizzen, dergestalt, dass ein Techniker irgendwann kommentierte, es sehe im Studio aus wie in der Kongressbibliothek. Sehr zielführend war diese Arbeitsweise jedenfalls nicht, zumal sich Rose, von privaten Schicksalsschlägen gezeichnet, immer bizarrer aufführte und kaum mehr sein Anwesen in Malibu verließ. Die Produktionskosten für das Album häuften sich unterdessen ungebremst an. Rund 250.000 Dollar sollen Musiker- und Tontechnikergehälter monatlich verschlungen haben.

Besonders bildlich demonstriert eine Anekdote um den Gitarristen Buckethead den fortschreitenden Irrsinn der Aufnahmen. Der avantgardistische Virtuose, der so heißt, weil er einen Eimer der Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken auf dem Kopf trägt, knüpfte sein Engagement an eine etwas eigenwillige Bedingung: Er bestand darauf, dass ein Hühnerstall samt Federvieh im Studio installiert werde. Kein Problem, fand Tierliebhaber Axl Rose, der Reptilien und Vogelspinnen in der Wohnung hielt, doch nicht nur die: Eines Nachts, so will es die Legende, machten sich seine Wolfswelpen am Hühnergehege zu schaffen und metzelten die Insassen nieder. Zu viel für den Geflügelfreund Buckethead, der 2004 im Streit das Handtuch warf.

Auch sonst rissen die Negativschlagzeilen um Axl Rose in jenen Tagen nicht ab. 2003 machte das Gerücht die Runde, der Sänger wolle sich aufgrund "innerer Dämonen" in eine psychiatrische Klinik einliefern. Als er im gleichen Jahr ein Konzert in Vancouver wegen Unpässlichkeit absagte, rasteten die rund 8.000 anwesenden Fans vollständig aus und richteten einen Schaden von 400.000 Dollar an. Auch mit der Plattenfirma, die über die Jahre eine Engelsgeduld bewies, kam es zunehmend zu Streitigkeiten, die in einer erfolglosen Klage der Band gegen die geplante Veröffentlichung eines Best-Of-Albums gipfelte. 2006 landete Rose sogar kurzzeitig in schwedischem Polizeigewahrsam, nachdem er eine Frau an einer Hotelbar belästigte und anschließend einem Wachmann ins Bein biss.

Im Juni 2008 schließlich tauchten erstmals offenbar fertige Mixe von neun Albumsongs auf einem US-Blog auf. Für den verantwortlichen Blogger hatte der illegale Coup ein unerwartet heftiges Nachspiel: Er wurde im August auf Drängen der Vereinigung der amerikanischen Plattenmajor in Pyjama und Handschellen vom FBI verhaftet. Wenigstens zeigte dieser vorerst letzte Akt der nur beinahe unendlichen Farce, dass es mit einem Album-Release nach unzähligen Aufschüben tatsächlich ernst werden könnte.

Nicht weniger als einen "historischen Moment in der Geschichte des Rock'n'Roll" sehen die Bandmanager Irving Azoff und Andy Gould nun in der Veröffentlichung von "Chinese Democracy". Von einem "Meilenstein", der "brillant, draufgängerisch, konfus und kompromisslos" sei, sprach der überhitzte Rezensent des amerikanischen "Rolling Stone". Immerhin, im Jahr geglückter Rückmeldungen der Heavy-Giganten Metallica und AC/DC passen auch Guns N' Roses wieder gut ins Bild. Dass "Chinese Democracy" gegen die souveränen Platten der Profihandwerker trotz allem den Kürzeren ziehen könnte, scheint indes alles andere als unwahrscheinlich.

Jens Szameit

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