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Eels - Spieglein, Spieglein an der Wand ...

Geschrieben Mi, 10. Jun. 2009 11:41 von Stefan Weber in Starportraits
(tsch) Ein bisschen abschreckend wirkt er schon. Und auch Mark Oliver Everett - der sich seit seiner Jugend schlicht E nennt - hat sich beim Blick in den Spiegel zwar nicht erschrocken, aber doch festgestellt, dass sein Vollbartwuchs ein fast bedrohliches Ausmaß angenommen hat. Und hat, davon inspiriert, den Nachfolger zum 2005er-Eels-Doppelalbum "Blinking Lights And Other Revelations" den Namen "Hombre Lobo" (zu deutsch: Werwolf) gegeben. Aber ein genauer Beobachter seiner selbst war der 46-jährige Songwriter seit jeher. Vor allem seine Vergangenheit ließ ihn nicht los, was zuletzt eine ausführliche Werkschau namens "Meet The Eels", seine Autobiografie "Things The Grandchildren Should Know" und eine TV-Dokumentation über seinen Vater, den Quantenphysiker Hugh Everett, eindrucksvoll bewiesen. Im Interview gibt E - gerne mit leicht schelmischen Grinsen - aber an, sich jetzt auf die Zukunft zu freuen. Auch wenn diese mehr als ungewiss ist.

Nach der Veröffentlichung Deines Best Ofs "Meet The Eels" letztes Jahr meintest Du in einem Interview, dass Du jetzt erst mal mit Vergangenheit fertig und bereit für die Zukunft wärst. Wie fühlt sich die Zukunft jetzt an?

E: Es ist großartig. Ich kann mir inzwischen auch gar nicht mehr vorstellen, was ich überhaupt noch über meine Vergangenheit erzählen soll (lacht). Aber man weiß ja nie. Vielleicht schreibe ich ja doch irgendwann wieder über meine Familie, meine Geschichte. Momentan beschäftige ich mich damit aber nicht.

Ist "Hombre Lobo" eine Art Neustart?

E: In gewisser Weise. Ich schaue eben nicht mehr zurück. Das ist ja auch ein Grund, warum es vier Jahre gedauert hat, ein neues Eels-Album rauszubringen. Ich fühlte mich von mir selbst ein wenig in die Ecke gedrängt, musste einfach ein wenig Abstand gewinnen. Und durch die ganzen autobiografischen Projekte schaffte ich mir Freiraum. Das hat gut funktioniert, denn danach kam ich endlich wieder an den Punkt, an dem ich wusste, was ich jetzt eigentlich als nächstes machen will.

Nämlich ein vermeintlich einfaches Album ...

E: Ja, gerade weil "Blinking Lights" solch ein riesiges, in die Länge gezogenes und kompliziertes Album war, hatte ich richtiggehend Hunger, etwas sehr minimalistisches und einfaches zu machen. Und dann kam eben diese Idee, Songs aus der Sicht dieses - nennen wir ihn mal - lüsternen, alten Werwolfs zu schreiben.

Und woher kam diese Idee?

E: Naja, schau mich an! Ich hatte die Idee beim Zähne putzen. Ich schaute in den Spiegel und mir fiel plötzlich auf, wie ich eigentlich aussehe. Und ich dachte, zuletzt sah ich so aus, als wir "Souljacker" (Album aus dem Jahr 2001, d. Red.) aufnahmen. Irgendwie fühlte es sich an, als ob ich eine erwachsene Version des "Dog Faced Boy", dieser Figur aus dem ersten Song des Albums, geworden bin - eine Art Werwolf eben.

Eine mystische Figur mit zwei Gesichtern ...

E: Richtig. Und ich glaube, dass sich das in den Songs widerspiegelt. Sie sind in gewisser Art und Weise mal zärtlich, dann wieder verstörend. Und man weiß genau, wann der Werwolf sein Gesicht zeigt, man kann genau sagen, wann Dr. Jekyll zu Mr. Hyde wird.

Was macht solche einsamen Außenseiterfiguren eigentlich so anziehend?

E: Ich weiß nicht, ob diese Figuren wirklich anziehend sind, aber das ist eben etwas, mit dem ich mich persönlich identifizieren kann. Denn ich tendiere schon auch dazu - mehr als wahrscheinlich üblich ist -, mich gegenüber der Außenwelt abzuschotten. Und insofern haben die Songs auch zwei Ebenen, neben der Geschichte dieser Figur erzähle ich auch von mir selbst.

Das Album trägt den Untertitel "12 Songs Of Desire". Was glaubst Du ist das stärkste menschliche Verlangen?

E: Nun, hinsichtlich menschlicher Leidenschaften, wenn wirklich Mr. Hyde zum Vorschein kommt, ist es sicherlich die Lust.

Das ist aber ja auch nur die dunkle Seite, oder? Ein Song wie "Prizefighter" hingegen handelt doch vom Verlangen nach Freundschaft ...

E: Teilweise. Ich weiß nicht, ob die Absichten wirklich durchgehend gute sind. In vielen der Songs geht es - man kann sagen - um Verkaufsargumente. Um einen Typen, der versucht, jemand anderen für sich zu gewinnen. Und in diesem Song kommt er eben mit der "Ich wäre dir ein guter Freund"-Masche. Aber ich denke, dass auch hier eigentlich ein gewisses düsteres Verlangen unter der Oberfläche lauert.

Sprichst Du da aus persönlicher Erfahrung? Oder wie bist Du als Freund?

E: Ach, ich glaube schon, dass ich anderen Leuten tatsächlich ein guter Freund bin. Vielleicht in mancherlei Hinsicht sogar zu gut. Ich nehme Freundschaften wahnsinnig ernst, was vielleicht daran liegt, dass ich keine Familie habe und Freunde für mich am ehesten an so etwas wie Familie herankommen. Ich erwarte viel von meinen Freunden, deswegen haben die es wahrscheinlich auch nicht immer leicht mit mir.

Das könnte auch daran liegen, dass Du Dich scheinbar ständig zurückziehst und Songs schreibst ...

E: Ja, aber die Songs kommen eben einfach so. Und ich weiß auch nicht, wie ich das ändern kann. Ich startete nach "Blinking Lights" ja mal den Versuch. Einfach mal ein Jahr lang keinen Song schreiben, nur um zu sehen, ob ich das könnte. Aber in gewisser Weise habe ich dabei gemogelt, ging in der Zwischenzeit auf zwei Welttourneen, und da ist es mir nicht möglich, etwas zu schreiben. Ich weiß also nicht, ob ich das wirklich könnte, einfach nur zu Hause rumsitzen ohne einen Song schreiben. Wahrscheinlich ist das unmöglich.

Würdest Du es manchmal gerne können?

E: Manchmal schon. Einfach mal eine Pause von all dem haben, manchmal fühle ich mich fast wie ein Sklave. Du bist mitten in irgendeiner Beschäftigung, versuchst einen ruhigen Abend zu haben und dann kommt diese Idee. Manchmal ist das einfach nur unfassbar nervig und du denkst dir: Ah, Ich mag jetzt nicht. Aber es bringt dich fast um, wenn du dieser Idee dann nicht nachgehst. Es ist fast so, als ob dir jemand eine Waffe an den Kopf hält, du musst es einfach tun, den Song schreiben. Wobei ich natürlich auch sagen muss, dass ich dankbar sein kann, dass mir überhaupt so etwas passiert. Ich will diese Fähigkeit auch nicht gering schätzen.

In ein paar Tagen hast Du Geburtstag. Feierst Du?

E: Nein, und ich hoffe, dass auch keiner daran denkt. Ich werde es auf jeden Fall niemandem gegenüber erwähnen. Weißt du, ich bin in einem Alter, in dem Geburtstage einfach nur Mist sind. Und Geschenke brauche ich auch nicht, ich hab alles, was ich will! (lacht)

Spricht da aus Dir schon die Midlife-Crisis?

E: Ja, vielleicht bin ich tatsächlich schon in einer Art Midlife-Crisis. Ich meine, schau mich an! (lacht) Und vielleicht dreht sich auch das Album genau darum: einfach um einen Typen in der Midlife-Crisis. Wenn ja, dann bin jetzt mittendrin und kann's dir sowieso nicht genau sagen. Aber in fünf Jahren werde vielleicht zurückblicken und sagen: Oh mein Gott! Was war denn da los ...

Naja, wenn es tatsächlich schon so weit ist, dann fängst Du ja scheinbar wenigstens nicht an, Dir teures Männerspielzeug zu kaufen ...

E: So etwas Normales würde ich sowieso nicht tun! (lacht) Ich glaube, wenn ich wirklich eine Midlife-Crisis durchlebe, dann liegt das an diesen ungewöhnlichen letzten vier Jahren. Ich setzte mich mit meiner Vergangenheit auseinander. Und zwar umfassend und aus wirklich allen möglichen Blickwinkeln. Das war eine therapeutische Erfahrung. Aber jetzt bewege mich in unbekannten Gewässern. Ich meine, wer macht so einen Rückblick schon mit Anfang 40? Wer versucht auf diese Weise sein Leben aufzurollen und das ganze dann als nettes kleines Paket zu verpacken? Und was dann? Was machst du danach? Aber ich begebe mich jetzt auf die Reise, das herauszufinden
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