Dear Reader - Ein Coup der guten Hoffnung
Augenscheinlich ist Dear Reader die erste Indie-Pop-Band aus Südafrika. Oder
gab es Vorgänger, die die Welt übersehen hat?
Cherilyn McNeil: Nein, ich schätze, in unserer Sparte sind wir tatsächlich die
Ersten. Es gibt aktuell die Rockband Blk Jks, die beim amerikanischen Label
Secretly Canadian unterschrieben hat. Insgesamt ist die Szene zu Hause noch recht
überschaubar, aber sie wächst beständig. Von unserer ersten Platte haben wir in
Südafrika 3.000 Exemplare verkauft. Das ist nicht gerade viel, wird bei uns
aber schon als Erfolg verbucht.
Es gibt eine Art Indie-Szene in Johannesburg?
McNeil: Ja, das ist wirklich aufregend. Leider ist es noch nicht möglich, von
dem, was wir tun, zu leben. Ich arbeite als Teilzeitkraft in einem
Bekleidungsgeschäft, außerdem helfen meine Eltern finanziell aus. Es ist schön,
sich darauf aktuell verlassen zu können, um irgendwann vielleicht
ausschließlich von der Musik zu leben.
Deine Musik verrät viele amerikanische und britische Einflüsse, wo hast Du die
her? Von älteren Geschwistern?
McNeil: Nein, ich bin bei uns die Älteste. Aber mein Vater brachte mich zu den
Beach Boys, Joni Mitchell, Simon & Garfunkel. Er spielt auch Gitarre, meine
Mutter Klavier. Das hat mich alles geprägt. Genauso meine kirchliche Erziehung.
Ich war niemals cool, interessierte mich nie für das, was gerade angesagt oder
beliebt war. Moden gehen mir immer zu schnell. Ich brauche gewöhnlich sehr
lange, um mich mit Dingen anzufreunden.
Deiner Musik hört man das durchaus an: Sie ist sehr zart, etwas melancholisch.
Zugleich kommst Du aus einer Stadt, die für die weltweit höchste
Kriminalitätsrate bekannt ist. Wie passt das zusammen?
McNeil: So genau weiß ich das ehrlich gesagt auch nicht. Ich schätze, dass die
Gewalt für die Menschen in Johannesburg einfach dazugehört. Angst zu haben, ist
für uns etwas ganz Alltägliches, ein Normalzustand. Wie schlimm das ist, merke
ich immer erst, wenn ich die Stadt verlasse und mich an einem weniger
gewalttätigen Ort aufhalte.
Das klingt ziemlich schrecklich ...
McNeil: Das ist es auch. Jeder aus meinem Bekanntenkreis kennt jemanden, der
Opfer eines Überfalls oder Angriffs war. Die Menschen hier gewöhnen sich
regelrecht an den Tod - aufgrund der hohen AIDS-Rate, der täglichen Übergriffe
in den Townships. Ein Menschenleben ist hier nicht viel wert. Das macht es
nicht leicht, in Johannesburg zu leben. Zugleich hat die Stadt aber auch viele
schöne Seiten: das Wetter, die Leidenschaft und der Einfallsreichtum der
Menschen, ihre Großzügigkeit. Ich habe durchaus die Hoffnung, dass sich die
Dinge zum Besseren entwickeln.
Im nächsten Jahr findet die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika statt. Ist
das Land dafür schon bereit?
McNeil: Ich weiß es wirklich nicht. Was ich weiß, ist, dass es sich fieberhaft
vorbereitet. Die Stimmung im Land ist eine Mischung aus Vorfreude und Angst,
dass etwas schief läuft. Es wird schon irgendwie klappen - in an African way
... (lacht)
Wirst Du Dir die Begegnungen anschauen?
McNeil: Ich interessiere mich leider überhaupt nicht für Sport. Aber in diesem
Kontext ist es etwas anderes. Vermutlich werde ich die Mannschaften
unterstützen, die verlieren. Unsere zum Beispiel, wir werden sicher früh
rausfliegen. Die Fans werden sich nach einer anderen Elf umschauen müssen, die
sie anfeuern können. (lacht)
Du lebst in Johannesburg als Teil einer ethnischen Minderheit. Wie ergeht es
Dir dabei?
McNeil: Das ist eine komplizierte Situation. Lange Zeit war hier die Minderheit
an der Macht und hat den Großteil der Bevölkerung unterdrückt. Das hat sich
geändert, wirkt heute aber immer noch nach. Mein soziales Umfeld kommt aus der
Mittelschicht. Wir wuchsen behütet in Vororten auf und hatten nie Geldsorgen.
Es steigen zwar immer mehr Schwarze in die Mittelschicht auf, aber die Anzahl
der Menschen, die in Armut leben, ist immer noch riesig. Da steckt ein großes
Frustrationspotenzial, das auch kulturell bedingt ist, vor allem aber ein
soziales Problem darstellt: Zwischen den Schichten in Johannesburg liegen
Welten, wir haben sehr wenig gemein.
Spürst Du diese Frustration auch?
McNeil: Ja, es ist frustrierend, wenn mir das Gefühl vermittelt wird, dass ich
nicht willkommen bin. Es ist verwirrend: Einerseits ist Südafrika meine Heimat
- ich fühle mich nicht als Europäerin - andererseits erfahre ich hier eine
Attitüde, die mir vermittelt: "Geh dorthin zurück, wo Du hergekommen
bist." Unter den jungen Leuten ist das Zusammengehörigkeitsgefühl stärker
ausgeprägt. Wir nennen das die "Rainbow-Nation", ein Melting Pot für
alle Kulturen. Wir arbeiten an einer besseren Verständigung.
Bei elf verschiedenen Amtssprachen ist das vermutlich nicht ganz leicht.
McNeil: Allerdings, und das sind ja nur die offiziellen Amtssprachen. Darüber
hinaus gibt es noch unzählige andere Sprachen. An den Schulen ist die Situation
besonders eklatant. In den Klassen sitzen Schüler aus ganz verschiedenen
Kulturen, die teilweise nicht einmal englisch sprechen. Ich denke, die
Schulausbildung ist derzeit das größte Problem im Land.
Haben junge Menschen aus Johannesburg noch andere Perspektiven, außer eine Band
zu gründen?
McNeil: Johannesburg ist eine Stadt, die sehr auf Geld ausgerichtet ist. Trotz
der vielen Probleme kommen die Menschen hierher, weil sie Geld verdienen
wollen. Sie verlassen viel schönere Orte, um einen guten Job zu finden, ein
dickes Bankkonto zu haben und schnell erwachsen zu werden. Das ist das
Gegenteil von dem, das ich mache. In Kapstadt ist das kulturelle Leben im
Vergleich viel stärker ausgeprägt. Bei uns mangelt es einfach an Ressourcen und
Infrastruktur.
Hast Du deshalb schon einmal darüber nachgedacht, in Kapstadt oder sogar auf
einem anderen Kontinent zu leben?
McNeil: Ja, das habe ich. Obwohl Johannesburg sehr groß ist, fühle ich mich
manchmal etwas eingeengt, weil mein soziales Umfeld so klein ist. Da wir jetzt
eine Band haben, müsste dann aber jeder mit umziehen, das ist schwierig. Ich
würde Südafrika auch vermissen.
Du bist Mitte der 80-er zur Welt gekommen. Hast Du konkrete Erinnerungen an das
Ende der Apartheid?
McNeil: Ich habe nur ganz vage Erinnerungen, etwa dass schwarze Kinder
plötzlich mit uns in die Schule gehen durften. Oder dass wir eine neue
Nationalhymne lernten. Apartheid war aber kein Thema, über das unsere Eltern
mit uns sprachen. Auch in der Schule wurde das nicht thematisiert. Erst viel
später, als ich für ein Jahr Politik an der Universität studierte, erfuhr ich,
was passiert war und wie dicht das Land vor einem Bürgerkrieg stand.
Von den Unruhen im Land hast Du nichts mitbekommen?
McNeil: Überhaupt nicht, nein. Das hat mit der Art und Weise zu tun, wie ich
erzogen wurde. Kinder wachsen hier langsamer auf, sie werden besser behütet.
Beispielsweise gibt es in Südafrika keine öffentlichen Verkehrsmittel. Wenn die
Kinder irgendwohin wollen, werden sie von den Eltern gebracht. Als ich mit 18
als Kindermädchen in London arbeitete, war ich überrascht, welche Freiheiten
Jugendliche dort haben, wie selbstständig und unabhängig sie sind.
London war sicher eine aufregende Erfahrung für jemanden, der sich für Popmusik
interessiert.
McNeil: Es war eine spannende Erfahrung, ein Jahr ohne die Eltern im Ausland zu
leben. Aber für Musik oder Bands habe ich mich ja nie wirklich begeistert. Es
klingt verrückt, aber ich besuchte während meines London-Aufenthalts kein
einziges Konzert. Es ist alarmierend, aber im Vergleich zu meinen
Altersgenossen habe ich wenig gesehen und erlebt, manchmal komme ich mir noch
wie ein Kind vor. Ich habe wohl einiges aufzuholen.
Du bist ja momentan auf dem besten Weg ...
McNeil: Ja, aber irgendwie weiß ich nicht, ob das hinhaut. Ich schaue nicht
viel fern, höre nicht viel Musik, ich lebe in einem ganz eigenen Rhythmus. Als
wäre ich im falschen Jahrhundert geboren. (lacht)
Jens Szameit
