White Lies - Das Prinzip Fleiß
Sänger Harry McVeigh und Bassist Charles Cave sehen nicht aus wie zwei Drittel
einer Nummer-eins-Band. Sie sehen eher noch so aus wie die, die sie vor einem
Jahr waren. Wie junge Engländer, knapp unter 20, die sich vielleicht ein
bisschen zu wenig an der frischen Luft und ein bisschen zu viel im Proberaum
bewegen, deren Leben in erster Linie mit Stromgitarren zu tun hat. Und als die
freundliche Angestellte der Plattenfirma ihnen jeweils ein Metallica-Shirt -
die sind jetzt ja Labelmates - in die Hand drückt, freuen sie sich ganz genau
so, wie das eine Band ohne Plattenvertrag tun würde. Ja, sie wissen die
Annehmlichkeiten der Branche noch zu schätzen.
Vor allem aber wissen sie, was es braucht, um so hoch zu kommen. Disziplin -
und davon jede Menge. Nicht nur eine, sondern drei, vier Schülerbands habe man
in der Vergangenheit gehabt, erzählt Harry McVeigh, allein der unbedingte Wille
zum Erfolg, der sei nie da gewesen - bis das Abenteuer White Lies begann.
"Wir erkannten früh, dass die White-Lies-Songs Potenzial besaßen, dass wir
damit das erreichen können würden, wovon wir immer träumten: von der Musik zu
leben."
Was folgte, war die Umwandlung des kreativen Potenzials in so etwas wie
tatsächliche Verfügungsmasse. Drei Monate lang gingen McVeigh, Cave und der
Drummer Jack Lawrence-Brown Tag für Tag in den Proberaum. Oben genanntes
Potenzial, erst einmal zwei Songs, posteten sie unterdessen auf einer
Myspace-Seite, auf der sonst gar nichts stand. Die Strategie, alles ein
bisschen schwammig zu lassen, erst einmal keine Gesichter zu den Songs zu
präsentieren, ging auf: Natürlich sprach sich herum, dass diese White Lies mit
ihrem eklektischen, Eighties-infiziertem Düster-Stadionrock ganz schön cool
wären. Und natürlich klingelte ab da das Telefon - am dritten Tag schon stolze
35 Mal.
Was folgte, war das Übliche mit individuellen Erweiterungen. Das Trio, übrigens
eher durch Heavy Metal als geschmackssicheren Inselpop sozialisiert, entschied
sich für einen Manager, irgendwann wurde das hinreichend ausführlich
einstudierte Material live vorgetragen und wieder ein bisschen später wurde der
Band ein Major-Deal angeboten. Dass das Album zu diesem Zeitpunkt gerade mal
zur Hälfte fertig war, störte niemanden. "Wir mussten eben in ein paar
Wochen fünf neue Songs schreiben", erklärt Cave und fügt an, dass genau
diese die besten der Platte wären. Ein Plädoyer für das Tempo als Prinzip?
Unbedingt, sagt McVeigh. "Es sollte nicht länger als zwei Monate dauern,
bis eine Platte im Kasten ist. Ich verstehe nicht, dass manche Bands dafür ein
halbes Jahr brauchen oder so. Da verzettelt man sich doch total!" Cave
nennt das Extrembeispiel: "Nimm Guns N'Roses. Die haben 15 Jahre für ein
Album gebraucht! 15 Jahre! Das muss ich mir nicht einmal ganz anhören, schon an
dieser Zahl erkennt man, dass das scheiße ist!"
Dass der Entstehungsprozess eines Albums und die damit verbundene Nähe
untereinander eine Herausforderung für die Psyche sein kann, haben die White
Lies dagegen am eigenen Leib erfahren. Sie verbrachten in den letzten zehn
Monaten viel Zeit miteinander. Fast alle, die sie hatten. "Ich verstehe
jetzt gut, um was es in dem Metallica-Film 'Some Kind Of Monster' geht",
verrät McVeigh. "Eine Plattenaufnahme ist in jeder Hinsicht eine
Ausnahmesituation, die Freundschaften ganz nachhaltig beeinflussen kann."
Wo Metallica seinerzeit einen Therapeuten ins Studio mitnahmen, funktionieren
bei White Lies aber noch die Hausmachervarianten: "Diese Nähe ist
bemerkenswert, aber auch lehrreich. Du erkennst, wie die anderen ticken - aber
auch, dass Menschen wahnsinnig kompliziert sind. Es ist etwas, das sich auch
auf dein Leben außerhalb der Band auswirkt", erzählt McVeigh.
Jenes muss momentan freilich etwas kürzer treten. Die Drei sind ausgiebig
unterwegs - nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, wo sie das bisher
verstörendste Erlebnis ihrer Laufbahn hatten. Sie wurden eigens für einen Gig
nach Chicago geflogen, wo sie in einem Plattenladen spielen sollten. "Das
war total furchtbar", erzählt McVeigh. "Wir kamen da an, und die
hatten nicht einmal unsere CDs. Nirgendwo hing Werbung für unseren Auftritt,
und als wir die Verkäuferin fragten, was denn eigentlich los sei und ob denn
überhaupt jemand kommen würde, sagte die nur: 'Hey, relax, dudes!'" Am
Ende kam exakt ein Besucher, während des dritten Songs fiel auch noch der Strom
aus, sodass die Gruppe ihren Auftritt verstört beendete. Vielleicht ein ganz
gutes Regulativ, was oben erwähnte Gefahr des verfrühten Höhenflugs angeht.
Jochen Overbeck
