Paul Potts "Ich dachte, ich stehe das letzte Mal auf einer Bühne"
Auf Ihrem neuen Album stammt vieles nicht mehr aus der klassischen
Gesangsliteratur. Warum haben Sie diesmal fast nur Klassik-Crossover gesungen?
Sie wollten doch immer ein Opernsänger werden, warum werden Sie dann keiner,
jetzt, wo Sie die Chance haben?
Potts: Ein paar Klassiker gibt es schon. Und ich wollte gar nie Opernsänger
werden. Aber dazu später. Was ich hier sagen will: Ich hänge nicht an Labels
wie dem Begriff "Opernsänger". Ich stehe auf wohlklingende Musik, und
es gibt eine Menge wunderschöner Musik auf diesem Album, egal ob klassisch oder
nicht. Ich finde sogar, dass ich diesmal einen klassischeren Zugang habe,
traditionellere Arrangements als auf dem letzten Album.
Warum haben Sie Sich damals eigentlich entschieden, bei einer
Talentshow mitzumachen? Warum sind Sie nicht den normalen Weg eines Sängers
gegangen, Vorsingen in Konzerthäusern, ein Agent, kleine Chorrollen ...
Potts: Ich wollte doch gar kein Sänger werden! Ich bin auf diese TV-Bühne
gegangen, weil es für mich die letzte Möglichkeit war, noch einmal in meinem
Leben aufzutreten. und ich dachte, es wäre das letzte Mal!
Wirklich?
Potts: Ja, denn ich hatte 2003 zwei Schicksalsschläge zu ertragen und dann, bis
zur Show 2007, vier Jahre nicht mehr gesungen! Ich hatte einen
Blinddarmdurchbruch und dabei fand man einen riesigen Nebennierentumor! Fast
zehn Zentimeter groß. Er war glücklicherweise gutartig, aber das wusste ich
zuerst nicht. Er war nahe an der Leber, deshalb musste ich operiert werden.
Zwei Tage nachdem ich "Aida" in der Bath-Oper gesungen hatte, ich war
der Radames, kam ich unters Messer. Seither bin ich übrigens auch so mollig,
mein Körper tut sich nun schwerer, Fett zu verbrennen.
Aber wieso haben Sie dann aufgehört zu singen?
Potts: Kurz darauf hatte ich einen Fahrradunfall und wirklich schlimme
Schmerzen, das Schlüsselbein war gebrochen. Ich konnte drei Monate nicht schlafen,
weil mir irgendetwas immer wehtat, der Kopf, der Nacken, die Schultern ... Mein
Körper konnte mit dem Stress nicht mehr umgehen, ich war völlig fertig. Dazu
kam, dass ich monatelang nicht arbeiten konnte, meine Frau Julie-Ann musste für
uns beide sorgen, aber es reichte hinten und vorne nicht. Wir waren komplett
pleite, bankrott, überschuldet! Ich musste ja sogar fürs Singen zahlen!
Zahlen fürs Singen?
Potts: Ja, in der Bath-Opera singt man umsonst, ohne Gage, es ist eine
Amateur-Oper. Aber man zahlt die Reise dorthin, die Mitgliedschaft im
Opernverein dort, Gesangsstunden, und so weiter. Es war ein teures Hobby. Und
vor allem für mich nichts als ein Hobby. Das ich aufgrund meiner finanziellen
Probleme aufgeben musste.
Und wer kam auf die Idee, dass Sie zur Talentshow gehen?
Potts: Ich sah die Anzeige. Aber ich hatte es zuerst nicht erwogen, da
hinzugehen. Ich fühlte mich schlecht, ich hatte vier Jahre nicht gesungen, und
ich fühlte mich zu alt. Außerdem dachte ich, dass dort nur Popsänger gesucht
würden. Aber irgendwie hat es mich doch gereizt.
Und wieso haben Sie ausgerechnet diese schwierige Arie "Nessun
dorma" gewählt?
Potts: Weil es eine der bekanntesten Arien überhaupt ist! Man kann nicht in
eine TV-Show gehen und etwas singen, was kein Mensch kennt!
Viele Kritiker meinten, es war schlecht gesungen ...
Potts: War es auch. Ich war angespannt wie ein Bogen, hart im Hals (macht
lustige Gesten und Würgegeräusche), und diese Spannung hat mich wirklich schlecht
singen lassen. Wie ich hinterher sah. Während des Auftritts war ich wie
weggebeamt. Ich konnte mir nach der Arie nicht vorstellen, dass ich wirklich
vor so vielen Leuten gesungen hatte, und begann zu zittern. Aber ich hätte es
viel besser gekonnt. Ich habe damals sowieso eine falsche Technik gehabt, jetzt
habe ich eine neue Lehrerin, die mich in einem ganz anderen, einfacheren Stil
singen lässt, viel entspannter!
Viele Kritiker sagen aber auch jetzt noch, dass Sie nicht wirklich
gut singen können - wie gehen Sie damit um?
Potts: Besser als früher! Ich bemerke ja nun, dass es viele Leute gibt, die ich
mit meiner Musik glücklich mache. Das Gefühl hatte ich früher nicht. Außerdem
bin ich konstruktiver Kritik gegenüber offen, sogar sehr. Wenn es mir die
Möglichkeit gibt, etwas zu lernen, dann nehme ich sie an! Ehrlich gesagt habe
ich in meinem Leben noch nie darüber nachgedacht, Sänger zu werden, deshalb
ficht mich die Kritik nicht besonders an, ich habe ja nicht den Anspruch, ein
Opernsänger zu sein. Ich habe nie gedacht, dass ich etwas, das mir Spaß macht,
zu meinem Beruf machen könnte. Dazu hatte ich auch niemals das Selbstvertrauen!
Arbeit ist Arbeit, das war meine Devise, und die Dinge, die Spaß machen, macht
man nach der Arbeit.
Was haben Sie mit den 100.000 Pfund gemacht, die Sie gewannen?
Potts: Meine Schulden bezahlt! Durch meine Krankheit hatte ich unermessliche
Schulden. Und der Rest - nun gut, es lässt uns etwas stressfreier und
komfortabler leben, aber sonst habe ich nicht viel damit angefangen. Ich
arbeite nicht mehr als Handyverkäufer. Obwohl mir das wirklich viel Spaß
gemacht hat. Aber ich habe keine Zeit mehr.
Was viele sicher nicht wissen, dass Sie einen Abschluss in
Philosophie haben ...
Potts: Ja, ich habe Philosophie studiert. Aber nicht, um damit Geld zu
verdienen. Ich brauchte Geld, deshalb habe ich gearbeitet. Punkt. Ich bin mir
nicht zu schade, mir die Hände schmutzig zu machen. Niemand sollte je zu stolz
dazu sein, sich seinen Unterhalt zu verdienen. Es macht mich mehr stolz zu
wissen, dass ich niemandem etwas schulde!
Haben Sie sich - gerade als philosophisch Interessierter - nie
gefragt, warum es ausgerechnet Sie getroffen hat, gerade jetzt, gerade hier, um
über Nacht erfolgreich zu sein?
Potts: Ich glaube, viel von dem, was du bist, transzendierst du irgendwie in
der Art, wie du singst. Viel von deiner Person sickert, strahlt durch den
Gesang durch. Wenn das nicht so wäre, könnte man ja einen Computer singen
lassen, der könnte es bestimmt besser. Aber es fühlt sich anders an! Musik ist
ein Mittel, um Gefühle zu transportieren. Man muss sich nur Tschaikowskys 6.
Symphonie anhören, dieses Stück ist wundervoll, er hat es kurz vor seinem Tod
komponiert, du kannst seine Kämpfe, die er mit sich ausfocht, hören. Er war
stets so unglücklich, zerrissen (er singt das Stück, d. Verf.). Du fühlst den
Schmerz darin! Ich weiß nicht, welche Tonart das ist. Aber das muss man nicht
wissen!
Haben Sie eigentlich noch Zeit für Hobbys?
Potts: Ja, ich koche gerne. Was kein echter Spaß ist, weil meine Frau so eine
mäkelige Esserin ist. Sie mag keine Tomaten, keine Champignons. Übrigens: Ihr
in Deutschland salzt alles so stark. Viel zu viel! Wir in England haben im
Pfefferstreuer mehr Löcher als im Salzstreuer!
Und wie sieht es mit der Familienplanung aus?
Potts: Gut, wir möchten unbedingt Kinder haben! Aber ich glaube, dass Kinder
aus einer starken Liebe heraus geboren werden müssen, nicht weil sie jetzt
gerade gut in die Planung passen. Ich glaube sowieso, dass Kinder kommen, wie
sie wollen. Sie tun nie, was sie wollen. Sie werden noch nicht einmal dann
geboren, wann du es willst.
Stimmt es, dass ein reicher Fan Ihnen ermöglicht hat, die Zähne zu
reparieren?
Potts: Sagen wir so, es war ein Zahnarzt, der mir die Behandlung spendierte.
Ich hatte auch viele Löcher in den Backenzähnen und diese kaputte Krone, es
waren also nicht nur kosmetische Gründe. Aber das war der blanke Horror! Ich
wusste bis dahin nicht, dass ich völlig unempfindlich gegenüber diesen Spritzen
bin, ich habe alles gespürt, alles! Ich hatte 17 Spritzen! Aber es war mir
wichtig. Als ich meine Hochzeitsfotos gesehen habe - das war der glücklichste
Tag meines Lebens - wollte ich strahlen, aber es gab kein einziges Foto von
mir, auf dem ich mit offenem Mund lächle. Ich hatte immer Probleme mit meinen
Zähnen, konnte nie lachen, hatte immer Angst, dass man beim Singen meine Zähne
sieht. Jetzt fühle ich mich wohler.

